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Das Norbertustor: von einer Getreidescheune zum Gewinner des Kulturgutpreises?

Von einer Getreidescheune zum Gewinner des Kulturgutpreises?

De Norbertuspoort.

Das Norbertustor, das die Abtei mit den landwirtschaftlichen Flächen verbindet, ist einer der drei Kandidaten für die vierte Ausgabe des Denkmalschutz- und Kulturgutpreises. Das Norbertustor, eine ehemalige Getreidescheune, beherbergt die „Library of Voices“ der Alamire Foundation. „Wir erforschen und würdigen dort musikalisches Erbe.“

Jedes Jahr stellt der Denkmalschutz- und Kulturgutpreis außergewöhnliche Projekte in den Mittelpunkt. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf Kulturprojekten, die für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind. Aus insgesamt neunzehn Kandidaten hat eine externe Jury drei Objekte ausgewählt: das Gildehaus der Freien Schiffer in Gent, „Hof Ter Beemt“ in Zingem und das Norbertustor in der ... Parkabtei. Auch Sie können für den Publikumspreis stimmen.

Alamire Foundation

Seit 2018 ist im Norbertustor die international renommierte Alamire Foundation untergebracht. Die Organisation spielt bei der Erforschung der Musik aus den Beneluxländern eine Vorreiterrolle.  In ihren Projekten befasst sie sich mit Polyfonie und Gregorianik.  „Mit innovativen Methoden untersuchen wir Musikhandschriften, jahrhundertealte Drucke und Musikfragmente aus der ganzen Welt. So fügen wir alle Puzzleteile zusammen.”

"Wir fügen alle Puzzleteile zusammen."
Bart Demuyt staat bij het Leuven Chansonnier

Zu Wort kommt Bart Demuyt, Direktor der Alamire Foundation und seit 2016 auch Senior Innovation Manager of Musical Heritage der KU Leuven. Er arbeitet seit 2011 im Mariator der Abtei, wo Alamire, das „Haus der Polyfonie“ eröffnet hat. Das Haus ist sowohl für Forscher als auch für Musiker ein Anziehungspunkt.

Offenes Haus und Treffpunkt

Und seit Kurzem gibt es dort auch die Library of Voices, ein Treffpunkt, wo Bücher, digitale Bild- und Tonträger durch neueste Techniken zugänglich gemacht werden. 2018 in das Norbertustor umgezogen. „Die Restaurierung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem technischen Dienst der KU Leuven und war eine echte Meisterleistung. Die Böden wurden angehoben, eine Heizung installiert, hunderte Kabel verlaufen dort ... Zudem wurden die Regale der Bibliothek akkurat nach Maß gefertigt. Wir hatten dadurch sogar Besuch von der Tischlerinnung!“, freut sich Demuyt.

„In der Library of Voices erforschen und würdigen wir musikalisches Erbe”, erläutert er. „Es ist ein offenes Haus, das Experten sowie ab und zu auch der breiten Öffentlichkeit Zugang gewährt. Wir möchten, dass sie alle das musikalische Erbe aus den Beneluxländern kennenlernen. Dies erfolgt in Zusammenarbeit mit den Forschern der Forschungseinheit Musikologie und ESAT (Fachbereich Elektrotechnik) der KU Leuven, die hier das Sound Lab sowie das Datenzentrum mit aufbauen.

De Library of Voices van de Alamire Foundation

Reichhaltige Sammlung

Was findet man alles in der Bibliothek? „Wir haben eine reichhaltige Sammlung von Standardwerken über Polyfonie und gregorianische Musik.  Es gibt auch Privatkollektionen, die gespendet wurden, wie etwa die Sammlung des zu früh verstorbenen Dirk Snellings, künstlerischer Leiter von ‚Capilla Flamenca’. Und wir haben das ‚Leuvens chansonnier’ als Dauerleihgabe. Das außergewöhnliche Büchlein stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert und enthält 50 mehrstimmige Lieder in der Tradition der französisch-flämischen Polyfonie, darunter 12 einzigartige Stücke, die bis vor Kurzem in keiner anderen Quelle zu finden waren“, erklärt Demuyt.

Die Kollektion wird zudem laufend erweitert. „Vorigen Winter entdeckten wir ein interessantes Antifonale, das ebenso wie das Leuven Chansonnier, von der König-Baudouin-Stiftung erworben wurde. Es handelt sich hier um ein gregorianisches Manuskript und das Besondere daran: Wir gehen davon aus, dass es hier in der Region entstanden ist.  Zwischen der Musik stehen Texte von Jérôme de Moravie, einem mittelalterlichen Musiktheoretiker.  Die Entdeckung dieser Texte ist ein bemerkenswerter Umstand, der nunmehr durch die Alamire Foundation weiter untersucht wird“, so Demuyt.

De Library of Voices van de Alamire Foundation

Labor

Die Library of Voices ist mehr als eine Bibliothek. Sie ist auch ein Sound Laboratorium. „Im ersten Stock gibt es ein analytisches Klanglabor mit zwanzig Lautsprechern und einem hochtechnologischen Bildschirm.  In dem Labor spielen wir vokale Polyfonie ab, wobei man jeden Sänger an einer anderen Stelle des Raumes hört.  Man kann auch auf ‚Auswählen’ drücken und die einzelnen Stimmen gruppieren. Auf diese Weise können wir mehr Einblick in die Polyfonie geben und diese mehrstimmige Musik auflösen, um sie besser zu begreifen.“

Alamire verfügt auch über ein mobiles digitales Labor  (Alamire Digital Lab) und ein interaktives Klanglabor, das sich im zweiten Stock des Norbertustores befindet. Im Klanglabor befinden sich 28 Lautsprecher, sechs Mikrofone und ein großer Bildschirm.  „Darauf zeigen wir Manuskripte, die sich an anderen Orten befinden, aber mit unserem Alamire Digital Lab digitalisiert wurden. Wir untersuchen die Musikstücke mit unserem Vokalensemble Park Collegium, das die musikalische Sprache aus dem Mittelalter entschlüsseln und sofort singen kann.

So bringt die Alamire Foundation Musik zum Klingen, die in Vergessenheit zu geraten drohte.  „Und das ist noch nicht alles: Wir können die Gesänge eines Ensembles im Klanglabor aufnehmen und in Echtzeit erneut ins Labor senden, und zwar angepasst an das Klangbild des Raumes, für den die Manuskripte ursprünglich geschrieben wurden.  Das ist weltweit einzigartig“, weiß Demuyt.

Die ‘Library of Voices’ ist nur nach vorheriger Terminabsprache zugänglich.  Anlässlich des Tages des offenen Denkmals (8. September) veranstaltet die Alamire Foundation jedoch sowohl im Mariator als auch im Norbertustor Vorführungen.

Auf der Webseite der flämischen Regierung können Sie noch   bis zum 8. September für den Publikumspreis abstimmen.